Fliegen wie ein Adler ... (Jesaja 40)(CB/Valdorf) Am 30. März 2008 haben wir die neuen Presbyterinnen und Presbyter in ihr Amt eingeführt. Der Predigttext aus Jesaja 40 macht uns Christinnen und Christen Mut, auf Gottes Zusagen zu hoffen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde!

Ein Mann fand im Wald ein großes Vogelei. Er nahm es mit zu sich nach Hause und ließ das Ei von einem seiner Hühner ausbrüten. Und wirklich: Aus dem Ei schlüpfte ein Vogel und wuchs im Hühnerhof mit den anderen Hennen, den Enten und Truthähnen auf.

Nach einiger Zeit bekam der Mann Besuch von einem Freund. Als sie gemeinsam durch den Garten gingen, sagte der Freund zu seinem Gastgeber: „Schau mal - der Vogel dort, das ist ja ein Adler! Der gehört nicht auf den Hühnerhof. Lass ihn frei!"

„Nein", sagte der Mann. „Er ist mit den Hühnern aufgewachsen - er ist zum Huhn geworden. Er ist kein Adler, auch wenn seine Flügel eine weite Spannweite haben."

„So ein Quatsch - Er ist ein Adler - und er bleibt ein Adler. Etwas anderes kann er gar nicht sein, denn er hat das Herz eines Adlers."

„Nein", hielt der Mann dagegen, „er ist unter Hühnern aufgewachsen. Woher soll er wissen, wie man fliegt? Solange er genug zu essen bekommt, ist er zufrieden."

Der Freund glaubte ihm nicht. Er nahm den Adler, hob ihn in die Höhe und sagte: „Du bist ein Adler und Du gehörst hoch in den Himmel! Breite deine Schwingen aus und flieg los!«

Der kleine Adler saß auf dem Arm und blickte um sich. Hinter sich sah er die Hühner nach Körnern picken und er sprang – zurück in den Hühnerhof.

Doch der Freund gab nicht auf. Am nächsten Tag nahm er den Adler und trug ihn an einen erhöhten Ort und sagte: „Adler, breite deine Schwingen aus und fliege!" Der Adler sah die ganzen anderen Hühner im Hof – sprang abermals hinunter und scharrte mit ihnen.

Am nächsten Morgen nahm er den Adler und brachte ihn hinaus aus der Stadt auf einen hohen Berg. Er hob den Adler hoch und sagte zu ihm: „Adler, du gehörst dem Himmel und nicht der Erde. Breite deine Schwingen aus und fliege!" Der Adler blickte umher. Er zitterte - aber er flog nicht.

Da ließ ihn der Mann direkt in die Sonne schauen. Und plötzlich breitete der Adler seine gewaltigen Flügel aus, erhob sich mit einem schrillen Schrei und flog höher und höher, der Freiheit entgegen!

Liebe Gemeinde,

Adler gehören in den Himmel. Anders geht es nicht. Dafür sind sie geschaffen und das kann man ihnen nicht nehmen. Wachsen sie anders auf, dann brauchen sie etwas länger, bis sie die Kräfte entdecken, die ihnen gegeben sind. Wachsen sie anders auf, dann brauchen sie vielleicht etwas Zeit, um zu merken, dass sie am falschen Ort sind.

In der Geschichte von James Aggrey braucht der Adler Hilfe - hat sich mit seinem Leben auf dem Hühnerhof abgefunden - hat es ja auch nie anders kennen gelernt.

Und dann braucht er nur jemanden, der ihm seine Kräfte zeigt - der ihn an das erinnert, was ihm mit auf den Weg gegeben ist. Er entdeckt es - und er entdeckt das Leben ganz neu.

„Die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden"
 
Auch wir gehören dem Himmel. Daran werden wir in diesen Worten des Jesaja erinnert. Gott hat uns nach seinem Bilde geschaffen, nach dem Bilde Gottes. Und er hat gesagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Und damit sagt er uns: Du gehörst dem Himmel, nicht der Erde.

Dieses wunderbare Versprechen Gottes gehört zum Predigttext für diesen Sonntag. Ein Versprechen mit viel Weite und Wind - ein Versprechen, dass uns einen anderen Horizont zeigt, als wir ihn uns sonst selbst erlauben. Ein Versprechen, dass uns neue Kräfte schenkt, wenn wir denken: Ich komme hier nur in kleinen Schritten vorwärts.

Schritte? Kleine Schritte? Gott verspricht uns den Himmel - und so oft trauen wir uns nur kleine Schritte. Und selbst die finden wir gewagt.

Jesaja gibt mit diesen Worten Erinnerungen an Gottes Möglichkeiten weiter. Erinnerungen an die Kraft, die von Gott ausgeht - und die er uns geschenkt hat.

Jesaja gibt dieses Versprechen an Menschen weiter, die eben nicht wie die Adler geflogen sind - die sich das schon gar nicht mehr getraut haben. Er gibt dieses Versprechen an die Menschen weiter, die im babylonischen Hühnerhof hin und her gehen - weit weg von zu Hause haben sie sich mit den Verhältnissen abgefunden. Mutlos sind sie geworden und sie hängen durch. Müde sind sie geworden - ihnen war alles zu viel geworden.

Erschöpfte und müde Menschen hatte er vor Augen - und solche Menschen gibt es heute ja auch. Ich meine jetzt nicht die, die heute Nacht kein Auge zugemacht haben, weil sie auf Piste waren und nun ganz tapfer hier in die Kirche gekommen sind - mit ein paar wenigen Stunden Schlaf. Ich meine auch nicht die Eltern, die mit den kleinen die Nacht durchgemacht haben und nun gern etwas Ruhe haben möchten - oder die Menschen, die einen Angehörigen begleiten und selbst kaum zu Ruhe kommen.

Ich meine die Menschen, die Müde und erschöpft sind, weil ihnen ihr ganzer Alltag zu viel wird - so wie den Menschen um Jesaja vor vielen Jahren. Sie waren vielleicht auch mal etwas übernächtigt - aber das konnten auch sie damals mit ein paar Stunden Schlaf wieder in den Griff kriegen. Sie hatten einfach keine Lebenskraft. Keinen Lebensmut. Sie hatten ihr Leben aufgegeben. Sie hatten Erfahrungen gemacht, die an ihren Kräften gezehrt hatten

  • Sie hatten ihre Heimat verloren - sie hatten Jerusalem und Israel verlassen und fanden sich in ihrer neuen Umgebung nicht zurecht. Wo gehören wir eigentlich hin?
  • Sie hatten liebe Menschen verloren.
  • Und sie hatten ihre vertrauten Ziele verloren. Was will ich erreichen in meinem Leben -  was ist mein Lebensziel in diesem fremden Land und fern der Heimat. Lohnt es sich überhaupt, hier neue Ziele zu stecken?


Und nach diesen Erfahrungen hatten sie aufgegeben - „Aus uns wird nichts mehr!"

Das ist eine Stimmung, die sich breit machen kann und die andere anstecken kann. Und es ist ein Gefühl, dass ich auch heute noch erlebe - und das ich an andere weitergebe. Das ist eine Mutlosigkeit, die um sich greift und die im Umfeld ganz verheerende Auswirkungen haben kann.

Erschöpft und Mutlos. Im Konfirmandenunterricht würde jetzt sicher irgendjemand das Stichwort geben und in die Runde rufen: „Eine Runde Mitleid!" - und dann stöhnen die Jugendlichen auf das Prächtigste einen langen Jammerseufzer (Das haben sie sich in der Kirche leider nicht getraut). Und das hilft zwar nicht - aber es gibt dem Ganzen einen anderen Ton.

Und der Ton heißt: Bleib darin nicht hängen. Gib dir einen Ruck. Und manchmal brauchen wir ja einen kleinen Schubs, damit wir uns an das erinnern, was uns trägt - oder damit wir einen anderen Blick bekommen.

Und so einen Ruck gibt Jesaja den Menschen: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Gott führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; Gottes Macht und starke Kraft ist so groß, daß nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist Gott verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber"?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Gott gibt den Müden Kraft, und Stärke genug den Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Gemeinde,

wenn ich diese Worte des Jesaja höre, dann schimmern da die mutlosen und erschöpften Menschen durch. Man sieht sie vor sich, diese Menschen mit ihren Gedanken:

· „Also, das kann ich nicht!"
· „Dazu kann ich mich nicht aufraffen!"
· „An Gott glauben - schön und gut - aber mir wird das zu viel!"
· „Nach der Woche brauch ich erst mal ne Pause"!

Jesaja läßt sich davon nicht herunter ziehen. Er ruft den Leuten zu aber die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.

Eine Runde Hoffnung!  

Wisst ihr denn nicht, was Gott mit euch vor hat? Glaubt ihr wirklich, Gott findet sich damit ab, dass ihr euch aufgegeben hat? Glaubt ihr wirklich, dass ihr die ersten Menschen seid, denen die Kräfte ausgehen und die mutlos werden?

Jesaja erinnert die Menschen: Gott hat etwas Besseres mit uns vor! Was er uns gegeben hat kann uns nicht genommen werden. Er hat uns Freiheit geschenkt - er hat uns seine Nähe geschenkt - er schenkt uns immer wieder neue Kraft. Und diese Kraft schenkt er uns auch, wenn wir das gar nicht erwarten. Wir und fliegen? Jesaja, du spinnst doch!

Nein, er spinnt nicht. Und Gott spinnt auch nicht.

Was Gott uns schenkt, dass kann uns wirklich beflügeln - und das kann uns aus schweren und mutlosen Zeiten wieder heraus holen. Und da braucht es mehr als nur eine Runde Mitleid - da braucht es eine Runde Glaube - und eine Runde Hoffnung.

Und dann gilt es für uns, dass Gott uns Kraft schenkt wie einem Adler.

Und diese Kraft wünsche ich heute vor allem den Menschen, die in den nächsten vier Jahren unsere Gemeinde leiten werden. Die brauchen keine Runde Mitleid - sie brauchen Gottes Kraft und Gottes Stärke - und wohl auch die Unterstützung durch diese Gemeinde.

Meine Wünsche möchte ich mit diesem schönen Bild des Adlers verbinden, dass Jesaja uns mit gibt.

Zuerst: Adler haben Adleraugen. Sie können unglaublich gut und genau - und auch weit sehen. Und ich denke, dass ist etwas, was sie brauchen werden: Genau hinsehen. Genau sehen, was gerade los ist. Ich wünsche Ihnen und der ganzen Gemeinde einen scharfen Blick für diese Gemeinde, für die Menschen hier. Das sie genau sehen, was um uns herum geschieht.

Das Zweite: Ich wünsche Ihnen ein Herz wie ein Adler! Das fand ich in der Geschichte zu Beginn spannend: Es gibt Zeiten, in denen wir das vergessen und in denen wir uns einreden lassen, dass wir klein sind - dass wir nicht viel erreichen können. Bei einem Adler kann man das eine Zeitlang eindämmen - aber auf Dauer ist ihm etwas mitgegeben, was er nicht verlieren kann. Und das ist auch uns Menschen und ganz besonders uns Christinnen und Christen mitgegeben. Gott hat uns Hoffnung und Kraft geschenkt - und diese Hoffnung ist stark. Sie kann für eine Zeit verdeckt werden - aber sie kann uns nicht genommen werden. So wie ein Adler ein starkes Herz hat, so haben wir Christinnen und Christen immer die Hoffnung, dass Gott uns begleitet und dass er uns nicht allein läßt. Ich wünsche uns allen - und besonders den Presbyterinnen und Presbytern, dass Gott diese Hoffnung in ihnen lebendig erhält.

Und das Dritte: Adler können fliegen. Meine Erinnerungen an Adler sind Erinnerungen an Vögel, die frei ihre Bahnen ziehen. Die sich von der Wärme hinauftragen lassen - und alle Grenzen zurück lassen. Adler wählen ihre Flugbahnen frei - ohne Begrenzungen und immer wieder neu.

Mein Wunsch für unsere Gemeinde und für das neue Presbyterium heißt nicht: Na, dann hebt mal schön ab. Lasst alle Sorgen hinter euch, schaut in den Himmel - irgendwas geht immer. Das würde hier in Valdorf auch kaum jemand machen und das Presbyterium in Valdorf steht wohl nicht in der Gefahr, abzuheben.

Aber ich denke doch, dass unser Glauben etwas mit einem weiten Horizont zu tun hat - und dass uns dieser weite Horizont von Gott geschenkt ist. Glauben heißt, immer wieder neu abzuheben - mehr zu träumen und mehr zu hoffen, als wir müden Menschen es uns sonst zutrauen und als wir es in der Gemeinde erwarten.

Ich wünsche uns, dass wir in unserer Gemeinde - aber auch im Presbyterium immer wieder neu die Flügel ausbreiten und frei sind sein für das, was Gott mit uns vorhat.

Jesaja hatte schon Recht: Die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN. (Phil 4/7)

Die neuen Presbyterinnen und Presbyter nach der Wahl im Jahr 2008: Annegret Fabry, Angelika Strothmann, Gudrun Hachmeister, Jürgen Branning, Dirk Wrachtrup.