(CB/Valdorf) Unterwegs auf einem alten Fabrikgelände. Die Gebäude sOsterntehen leer, auf den Flächen dazwischen wachsen Büsche und Bäume wild durcheinander. Ein paar Jugendliche ziehen umher, auf den Wänden finden sich Graffitis in bunten Farben. Eigentlich wollte ich mich nur kurz umsehen und dann gleich weiterfahren. Aber irgend etwas hält mich hier fest.

In den alten Gebäuden sind Spuren zu erkennen: Da standen einmal Maschinen. Hier wurden Paletten gestapelt. Durch ein Fenster kann ich in einen Pausenraum sehen. Hier wurde in den Pausen Kaffee aus Thermoskannen getrunken und gelacht. Daneben die Werkhalle - jetzt steht alles ganz still.

Vor ein paar Jahren wurde hier gearbeitet. Es wurde gegen die Uhr geschraubt und laut gerufen. Mit offenen Augen lassen sich auf dem ganzen Gelände die Spuren der Menschen finden, die dort schwer gearbeitet haben. Ich denke: Wenn diese Gebäude erzählen könnten ...

Ich bleibe vor einem Fenster mit einem großen Bogen stehen. Die meisten Scheiben sind zerbrochen oder eingeworfen. Die Märzsonne spiegelt sich in den restlichen Scheiben und läßt sie hell erstrahlen. Ich sehe es mir in Ruhe an und nehme es in Gedanken mit.

In den Eindrücken von dem verlassenen Gelände und in dem Fenster mit den zerbrochenen Scheiben finde ich das wieder, was mir an den Ostertagen wichtig ist. Ostern ist für mich beides: Ein hell leuchtendes Licht, das mir Kraft gibt und zugleich die Erinnerung an das, was in meinem Leben zerbrechen kann.

Ostern hat für mich immer eine Kehrseite. Zur Osterfreude gehört das Schwere im Leben, das Zerbrochene. Zu unserem Leben gehört es, das wir Neues entdecken, aber auch Altes abgeben müssen. Und dabei nehmen wir von ganz verschiedenen Dingen Abschied:

Ich denke an das Firmengelände: Ganze Arbeitsbereiche und Standorte werden aufgegeben und Betriebsgelände werden verlassen und liegen still. Menschen haben jahrelang an den Maschinen gearbeitet, die jetzt nur noch Schrottwert haben. War das alles nichts wert?

Ich denke an die zerschlagenen Scheiben: Menschen haben sich geliebt und lange Jahre zusammen gelebt. Nun trennen sie sich im Streit. War in der gemeinsamen Zeit wirklich alles nur unerträglich ... oder gab es auch schöne Zeiten?

Ich denke an die Büsche, die auf dem Gelände wachsen: Menschen werden krank. Angehörige erleben schwere Tage und sind hin und her gerissen und suchen nach Kraft. Menschen sterben und geraten aus dem Blick. Sollen sie einfach spurlos gehen?

Zu unserem Leben gehören solche Abschiede dazu. Oft leiden wir darunter, wenn gemeinsame Zeiten zu Ende gehen. Und da geht es für mich in den Passions- und Ostertagen nicht nur um die Abschiede von Menschen, die sterben.

In der Bibel wird über den Abschied von Jesus berichtet. Für die Jünger war es ein schlimmer Abschied mit vielen Tränen. Es wird berichtet, daß Jesus sich von seinen Mitarbeitern, den Jüngern, verabschiedet. Sie bleiben alleine zurück und sind traurig. Die Berichte der Bibel beschönigen das Schwere nicht.

Christinnen und Christen können im Glauben die Kraft finden, mit solchen Abschieden zu leben. Sie können es, weil sie darauf vertrauen, daß Abschied und Tod nicht das Letzte in unserem Leben sind. Christus ist auferstanden - er schenkt uns neue Hoffnung.

Jetzt verstehe ich, warum ich die Fenster so gerne angesehen habe: In den Fenstern spiegelte sich die Sonne in den zerbrochenen Glasscheiben. Ihr Licht ließ die zerbrochenen Scheiben in einem ganz neuen Licht erscheinen. Trotz Staub und Kratzer - die Sonne war stärker. Sie sind ein Hoffnungsbild.

Die Sonne strahlt auf. Genau das feiern wir ja an Ostern. Zu Ostern feiern wir, daß es in unserem Leben nicht bei den Scherben und den leeren Hallen bleibt. Das wir Abschied nehmen müssen und dann nicht allein bleiben. Gott sieht unsere Traurigkeit, er weiß, wie schwer uns Abschiede fallen. Und er setzt seine Kraft und sein Licht dagegen. Diese Verwandlung unseres Lebens feiern wir in den Ostertagen.

Wie ist das möglich? Erklären können wir Christinnen und Christen das nicht. Aber seit 2000 Jahren erleben wir es immer wieder: Gott kann traurige und ratlose Menschen verwandeln, wenn sie auf ihn vertrauen.

Zu Ostern wird nicht alles wieder gut. Unser Leben wird nicht wieder so, wie es vorher war. Aber Gott schenkt uns eine unglaubliche Kraft, um mit den vielen Abschieden leben zu können. Diese Kraft kann sich für uns in Lebensmut verwandeln und dieser Lebensmut ist dann wirklich ein Geschenk. Dieser Lebensmut gibt uns die Kraft, mit den ganzen Brüchen, harten Worten und schweren Abschieden umzugehen.

Ich wünsche Ihnen, daß Gott ihnen diesen Lebensmut schenkt, ich wünsche Ihnen ein frohes Osterfest!