Spuren im Sand(CB/Valdorf) Am Ewigkeitssonntag denken wir in der Kirche an die Menschen zurück, die im vergangenen Kirchenjahr verstorben sind. Wie geht es nach dem Abschied weiter? Im Simeonsstift habe ich am 21. November 2009 meine Gedanken mit diesem Bild beschrieben.

Liebe Gemeinde im Simeonsstift,

In diesem Gottesdienst sind viele von uns noch einmal unterwegs - gehen in Gedanken Wege nach, die sie mit Menschen gegangen sind, die sie im vergangenen Kirchenjahr verloren haben. Wenn wir in diesem Gottesdienst ihre Namen hören, dann machen sich manche von ihnen in Gedanken auf reisen. Gehen Wege nach, die sie gegangen sind - erinnern sich an das, was diese Menschen hinterlassen haben. Alle diese Menschen haben Spuren hinterlassen bei ihnen und bei allen diesen Menschen, die sie vermissen.

Wir hören die Namen an diesem Ort, weil ein Stück des gemeinsamen Weges sie im vergangenen Jahr hier hin geführt hat. Hier sind sie zum Abschied hin gekommen - und von hier haben sie sich wieder auf den Weg gemacht. Manche waren getröstet - andere waren unsicher bei der Frage: Wie wird es weiter gehen? Wie geht mein Leben jetzt weiter und: Was kann ich eigentlich hoffen?

Neben der Erinnerung an die Person, die sie verloren haben, gehört heute auch das Erinnern an den Abschied dazu, den sie im vergangenen Jahr erlebt haben. Das Erinnern an den Schmerz - an die Traurigkeit, die zu jedem Abschied dazu gehört, an die Fragen und die Ungewißheit.

Ich möchte dazu mit ihnen ein Bild betrachten. Ich hoffe, Jede und Jeder hat es vorliegen und kann es gut erkennen.

Auf dem Bild sind Fußspuren zu sehen. Da ist jemand lang gelaufen - genauer betrachtet: Da sind mehrere Menschen lang gelaufen. So hat das vergangene Jahr für die meisten von uns angefangen. Wir haben miteinander gelebt - ich hier, du dort. Ich gehe meinen Weg - du deinen. Und es ist gut, wenn diese Wege nebeneinander verlaufen. Wenn wir uns im Blick haben und miteinander durch die Zeit gehen.

Wenn sie einmal am Strand unterwegs waren, dann wissen sie, dass wir dort unterschiedlich voran kommen. Mal geht es leicht - mal ist der Sand locker und tief und wir sinken ein. Mal geht es schnell und leicht - und dann gibt es wieder Tage, da brauchen wir alle Kraft. Und wenn wir gegangen sind, dann bleiben nur diese Spuren im Sand.

Spuren, die uns daran erinnern, daß es im vergangenen Jahr nicht leicht war. Viele von ihnen haben die Verstorbenen begleitet in ihren letzten Tagen und Wochen, haben in der Nacht auf sie geachtet und am Tag für sie gesorgt.

Es war ein gemeinsamer Weg. Manchmal anstrengend.

Das Bild beschreibt, wie es weiter gegangen ist.

Sie sind weiter gegangen.

Und irgendwann war einer von ihnen beiden nicht mehr da.

Die Spuren sind noch zu sehen ... sie verlaufen ... Die Wellen kommen irgendwann und gehen darüber.

Die Spuren verlieren sich ...

Bald ist der Eindruck für uns: Es bleibt ja nichts. Unsere eigenen Spuren - das, was wir füreinander tun konnten, was wir noch sagen konnten - was bleibt davon?

Und dann die Spuren des Menschen, den wir verloren haben. Auch da geht das Meer drüber - und auch davon wird bald nichts mehr zu sehen sein.

Das ist die Erfahrung, die sie im vergangenen Jahr gemacht haben. Wir waren so lange unterwegs - und dann verlieren sich unsere Wege. Wo du hingehst, da kann ich nicht hingehen.

Dein Weg ist nicht mein Weg. Und es ist schwer, in diesem Moment weiter zu gehen. Es ist schwer, wenn der Alltag ohne die vertraute Person einfach weiter gehen soll.

Und da kommt dann der Wunsch:

Jetzt einfach stehen bleiben. Ich will nicht weiter gehen. Die Spur festhalten. Genau hinsehen. Nichts anrühren.

Aber: So wichtig die Spuren und Erinnerungen sind - auf Dauer halten sie uns nur fest. Auf Dauer müssen wir uns wieder auf den Weg machen.

Was hat ihnen da geholfen?

  • Menschen, die bei ihnen geblieben sind.
  • Menschen vielleicht, die ihnen zugehört haben - ihnen Zeit geschenkt haben und Geduld.
  • Aber auch Menschen, die versucht haben, für ihre Hoffnung Worte und Bilder zu finden. Wie kann es weiter gehen?

Und so konnten sie die Wege weiter gehen. Manchmal nur ganz langsam. Sind noch einmal stehen geblieben und haben noch einmal die Spur angeschaut.

Schön war es mit dir.

Ich vermisse dich immer noch.

Und dann haben wir den Kopf hoch genommen. Oder wir sind gerade noch dabei. Bei manchen dauert es länger - dauert es ihre Zeit, bis sie vom Boden wieder aufsehen. Wennd er Blick sich vom Boden und von den Spuren löst und nach oben geht.

So, wie es auf dem Bild zu erkennen ist. Da gibt es nicht nur die Spuren - es gibt mehr. Und in diesem fall: es gibt einen weiten Horizont. Es gibt einen weiten Blick. Unser Blick muss nicht nur nach unten gehen - er kann wieder in die Ferne und in die Weite gehen.

Dafür braucht es Menschen, die uns helfen, von den Spuren aufzusehen. Die uns aufmuntern, wieder nach oben zu sehen. Nach vorne. Die uns an die Weite des Lebens erinnern - oder an die Weite unseres Glaubens.

Wir haben es eben im 139. Psalm gehört.

HERR, du erforschst mich, und kennst mich.

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüßtest.

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

So wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

Dieser Psalm beschreibt eine unglaubliche Weite. Da geht es nicht mehr um den Blick nach unten - um das Suchen nach Spuren, die wir in unserem Leben hinterlassen haben - es geht um einen neuen Blick. Um eine Neue Weite.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Vielen von uns tut diese Weite gut. Vielen von uns tut es gut, in schweren Zeiten am Strand spazieren zu gehen und weit blicken zu können. Manche von uns haben andere Orte, an denen sie Ruhe finden und an denen sie neue Kraft schöpfen.

Ein Strand - die Wellen - der weite Himmel - das läßt uns etwas von der Weite erahnen, die Gott uns schenkt. Wir müssen nicht stehen bleiben. Gott will uns einen anderen Horizont geben - einen guten Blick, der die Traurigkeit vertreiben kann.

Der Blick in die Ferne - der läßt uns etwas spüren von dem, was Gott uns in der Traurigkeit schenken will:

  • Egal, wie weit du auch gehst - ich kann bei dir sein.
  • Wo dein Blick auch hingeht - du kannst mich finden. Auch in der Ferne.

Der Gott, auf den ich meine Hoffnung setze, hat uns versprochen, dass er schon immer da sein wird. In der Ferne - in den Zeiten, in denen wir ihn suchen - an den Tagen, an denen wir ihn brauchen.

Gott führt die Wege weiter, die für uns enden - er nimmt die Spuren auf, die hier langsam verwischen. Er ist nicht darauf angewiesen, dass wir die Spuren festhalten.

So würde ich jedenfalls meine Hoffnung beschreiben. Wenn Christus von den Toten auferstanden ist, dann ist das eine Hoffnung, die uns Weite und neue Kraft schenkt. Diese Hoffnung kann uns wirklich in die Weite sehen lassen. Auf Gott vertrauen, das ist: Den Blick nach oben nehmen - neu sehen, was er uns schenken will. Gott zeigt uns einen neuen Horizont. Schaut nicht nach unten. Nehmt den Kopf hoch. Seht, was ich euch neues schenke. Ich denke, so können wir die Hoffnung beschreiben, die uns Christinnen und Christen geschenkt ist.

Und ich wünsche uns, dass Gott uns auf unserem Weg zurück ins Leben begleitet - das er uns aufschauen läßt - und das er uns neue Hoffnung schenkt.

Gott segne unsere Wege und unsere Schritte, er lenke unsere Schritte und er führe sie zum Ziel. Amen.

(Pfarrer Christoph Beyer zum Totengedenken im Simeonsstift am 21.11.2009)